Traditionale Kunst & Therapie

traditional art & therapy

Tradition ist erstens die ursprüngliche Weisheit oder Wahrheit, unveränderlich und umgeschaffen, die Essenz, welche schöpft, aber selbst nicht geschaffen wurde; zweitens ist die Tradition die Verkörperung der Wahrheit unter einem bestimmten mythologischen oder religiösen Gewand, welches über die Zeit hinweg tradiert wird.  

Timothy Scott

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Wir verwenden den Begriff der Tradition nicht im Sinne einer „historischen Kontinuität“, sondern er beschreibt und verweist auf den den Kern, auf die Essenz einer  jeden authentischen mythologisch-religiösen Einheit.  Jeder authentischen Tradition liegt eine archetypische Konzeption des Kosmos zu Grunde, welche durch den Ritus immer wieder neu erschaffen wird und somit für zukünftige Generationen zugänglich bleibt. Die Manifestation einer Tradition hat ihren Beginn in der Begegnung, im Zusammenkommen beider Welten – der uns bekannten und der uns unbekannten,  jenseitigen Welt. In allen Traditionen weltweit finden wir diese Legitimation der Tradition durch das Zusammentreffen mit der  göttlichen Form. Die Mythen aller Kulturen beginnen an diesem magischen Punkt.


Traditional art - Traditionale Kunst

„Kunst ist ein höheres Ordnungsprinzip , welches die Aufgabe hat, die Beziehung des Menschen zur Welt zu klären und dem Geist zu helfen, “ von der unüberschaubaren Vielheit der Schöpfung auf die zugrundeliegende Einheit aller Dinge zu schließen“

Titus Burckhardt 

Es heißt die Wahrheit (al-haqq) direkt zu erfahren ist nur schwer möglich – doch traditionelle Kunst hat das Potential diese Erfahrung zu ermöglichen.

Ananda Coomaraswamy sagt uns: „In der traditionellen Sichtweise gibt es keine Unterscheidung zwischen dem Künstler und dem Handwerker.” Traditionelle Kunst zeichnet eine Mischung von Schönheit und Nützlichkeit aus. Kunst um der reinen Kunst willen und Museen existieren nicht.  Der künstlerische Ausdruck und die künstlerischen Werke formen die alltägliche Umgebung des Menschen. Überall spiegelt sich Wahrheit wieder und schafft somit ein mit Sinn erfülltes Universum. Schönheit wird nicht als subjektiver Zustand erlebt, sondern ist untrennbar mit der Wirklichkeit verbunden. Schönheit ist mit den Qualitäten der Unendlichkeit, Vollkommenheit und Güte verbunden. Schönheit hat das Potential die Verhärtungen der menschlichen Seele aufzulösen. Schönheit ist der Anlaß der Rückerinnerung an die Einheit und somit das Mittel der Erkenntnis. Die Schönheit des traditionellen künstlerischen Ausdruck kann die Seele des Menschen an ihren Ursprung erinnern – und das wirkt heilsam auf sie.  

Traditional therapy - Traditionale Therapie

Wenn die Medizin der traditionellen Zivilisationen nichts Analoges zur modernen Psychotherapie kennt, liegt dies daran, dass das Psychische nicht vom Psychischen behandelt werden kann. Der Psyché ist aufgrund ihrer spezifischen Natur im wesentlichen instabil und trügerisch, so dass diese nur geheilt werden kann, indem auf etwas zurückgegriffen wird, das sich „außerhalb“ oder „darüber“ befindet. “

Titus Burckhardt

 

Ein aufrechter Charakter und Pietät sind seid den Griechen Qualitäten die ein Arzt oder Helfender besitzen sollte. Er sollte auf die Reinheit und Schlichtheit seiner Gewänder achten und seinen Körper durch Übungen aktiv halten. Er sollte sich seinem Beruf vollständig widmen, deshalb wurden auch wohlhabende Personen dazu angehalten den Arzt gut zu bezahlen, damit er auch  armen Menschen seine Zeit schenken konnte.  Der Arzt sollte Geduld haben, ein guter Zuhörer sein und sich reichlich Zeit für seine Patienten nehmen. Von Ebu Bekir Razi lesen wir: „ Es wäre auch gut mit seinem Arzt in Verbindung zu stehen bevor man krank wird. “

In der Medizinschule  in Kayseri (Türkei) war es üblich, dass der Arzt neben einer gründlichen medizinischen Ausbildung auch eine ebenso umfassende geistige Schulung durchlaufen musste. Dabei waren auch Übungen wie das zurückgezogene Fasten (Halvet) von den angehenden Medizinern zu absolvieren. Der Mensch der anderen helfen kann muss selbst Heilung erfahren und “ganz” geworden sein. Die Idee hinter diesem ganzheitlichen Ansatz ist worauf uns Nizami hinweist: die Notwendigkeit der Entwicklung der Intuition:

“Ein Arzt sollte eine freundliche Gesinnung haben, einen klaren Verstand und er sollte über eine entwickelte intuitive Kraft verfügen. Ohne die Gabe der Intuition kann ein Helfender die wirkliche Ursache einer Krankheit nicht erkennen.”

Viele traditionelle Heiler unterschiedlichster Kulturen, waren gleichzeitig Mediziner,  Wissensgelehrte und Künstler in einer Person. Traditionelle Therapiemodelle waren immer schon eng verbunden mit dem künstlerischen Ausdruck des Menschen (sei dies Gestaltung, Malerei, Gesang, Musik oder Tanz). Wir können soweit gehen und behaupten,  dass Kunst und Therapie, weltweit in der Menschheitsgeschichte traditioneller Gesellschaften parallel anzutreffen sind (waren). In den Mythen finden wir diese enge Verbindung von “Kunst” und “Heilung” schon am Anfang des Mensch-seins wieder, wie uns eine Legende  des persischen Dichters Hafiz (14 hdt.) erzählt:

“Gott schuf  nach seinem eigenen Bilde eine Gestalt aus Lehm und Wasser, und bat die Seele sie möge diesen  Leib betreten. Die Seele jedoch weigerte sich gefangen zu werden, denn ihrem Wesen nach ist sie frei und wollte nicht eingeschränkt und an etwas gebunden sein. So verspürte die Seele nicht die geringste Neigung dieses irdische Gefängnis zu betreten. Da bat Gott die Engel ihre Musik erklingen zu lassen, und als die Engel spielten, geriet die Seele in Ekstase. Durch diese Ekstase und weil sie die Musik noch intensiver erleben wollte, trat sie in den Körper ein.”

 

Hafiz fügt hinzu: “Die Leute meinen, die Seele habe den Körper betreten, als sie  dieses Lied hörte; in Wahrheit aber war die Seele selbst das Lied.“  Die Menschen fühlen sich von der Musik deshalb angezogen, weil ihr ursprüngliches Wesen selbst Musik ist – unser Geist und unser Körper, die Natur, in der wir leben, die Natur die uns hervorgebracht hat; alles was uns umgibt – all dies ist Musik.
 

 

 

Inter-traditional Transfer

„Der moderne Mensch hat die Empfindung für das Wunderbare verloren…”

Hossein Nasr

 

In der modernen, psychologisch fundierten Therapielandschaft herrscht of ein grosses Interesse an traditionellen Therapie-Ansätzen, aber die Forschung hat gezeigt, dass der Transfer von authentischer Tradition in ein modernes Setting zwar möglich, aber in der Praxis ein schwieriges Unterfangen ist.

Authentisch traditionale Therapie geschieht nicht in einem unabhängigen vakuumleeren Raum, sondern unterliegt  kulturellen, religiösen oder lokal spezifischen Rahmenbedingungen. Der kulturell geprägte und religiös ausgeformte Kosmos einer traditionellen Gesellschaft  basiert auf einer  über hunderte von Jahren  gewachsenen und praktizierten Mythologie und Geschichte. Menschen, die in diesem Umfeld als Therapeut und Heiler tätig sind haben eine besonders intensive Ausbildung genossen und bringen bestimmte Voraussetzungen mit. Wenn es zu einem Transfer derartiger Therapiemodelle kommt, muss es ein Bewusstsein geben für solch komplexe Strukturen. Wir finden aber im traditionellen System auch universelle Prinzipien, welche unter den richtigen Voraussetzungen und dem nötigen Wissensbackround einen inter-traditionalen Transfer unterstützen. Ziel wäre eine Neuintegration des traditionellen Wissens in ein modernes Setting, ohne den Kern und und die lebendige Essenz zu verlieren.

Bei genauer Untersuchung können wir nur wenig gelungene Beispiele eines inter-traditionalen Transfers verzeichnen. In 25 Jahren  intensiver theoretischer und praktischer Auseinandersetzung kommen wir zu dem Ergebnis, dass neue Ansätze und Wege erarbeitet werden müssen, wie und unter welchen Voraussetzungen einer derartiger Transfer fruchtbringend und nachhaltig umgesetzt werden kann. Traditionale Therapie kann nicht in einem Bachelor-Studium gelehrt werden und muss den Funken des Anfangs, des Heiligen und die  Verbindung mit dem Ursprung bewahren, sonst ist sie wie ein zahnloser Tiger, ohne Kraft, ohne Leben, ohne Authentizität. Das Individuum muss als Bienenkorb betrachtet werden, wo das Wissen wie Honig gespeichert wird. Das westliche Modell von Bildung, Erziehung  und Wissenserwerb, welches sich auf wenige Qualitäten des menschlichen Bewusstseins stützt ist nicht geeignet um traditionelle Systeme aufzunehmen.  Der Gemeinschaft ´bengüsu gield´ ist das Thema des  „Inter-traditionellen Transfers von Therapiemodellen“  ein grosses Anliegen und es muss mehr Bewusstsein geschaffen werden unter welchen Voraussetzungen ´gelingender Transfer´ stattfinden soll und kann. 

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The primordial Tradition - die ursprüngliche Tradition

Alle Religionen werden sich in der Vahdet -i vücud (der Philosophie der Einheit) treffen. Das wird die Zeit der großen Gemeinsamkeit, der großen Zusammenkunft sein.

Turgut Söylemzoglu Baba

Ananda Coomaraswamy schreibt: „ Die ´Philosophie perennis´ – ´die ewige Philosophie´ ist die ursprüngliche und universelle Tradition , welche in allen authentischen nicht kultivierten  Zivilisationen gegenwärtig ist.”

Entspricht  dies der Wahrheit, dann müssten wir in allen authentischen Traditionen ähnliche Prinzipien und Grundpfeiler finden, auf welcher die jeweilige Tradition basiert. Die Geschichten, die Bilder, die Mythologien bilden das Skelett einer Tradition und hier müsste man im Kulturvergleich auf verwandte, adaptierte oder ähnliche Legenden und Mythen treffen.  Kann das nachgewiesen werden, dann hätte man es mit universellen Prinzipien zu tun, die durch die jeweiligen geschichtlichen oder lokalen Metamorphosen individuelle Erscheinungsformen angenommen haben. In diesem Sinne gibt es nur eine ursprüngliche (primordial) Tradition, welche aber mit vielen  ´unterschiedlichen Gesichtern´ auf unseren Planeten sichtbar geworden ist.  Auch alle an die Tradition gebundenen Disziplinen  wie Kunst, Ritual, Heilung, Therapie, etc. würden diesem Prinzip folgen und  auf eine zugrundeliegende universelle Struktur verweisen.                          

 

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